Risiko, Rendite und Verantwortung

img

Nachrichten - 13 August 2020

Unternehmen beginnen sich vermehrt mit  Umwelt-, Sozial- und Governance-Prinzipien (ESG) zu beschäftigen, um sich selbst zu positionieren aber auch ihre Gemeinschaft im eigenen Einflussbereich nachhaltiger zu gestalten. In Deutschland beobachten wir, dass das Thema mittlerweile salonfähig geworden und in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Die Finanzbranche spielt in unseren Augen eine entscheidende Rolle, da hierfür ein enormer Kapitalbedarf auf Seiten der Unternehmen besteht. Neben einer monetären (Über-)Rendite auf Unternehmensseite, schaffen wir hiermit den Rahmen um zusätzlich Sozialkapital zu bilden, was im Endeffekt der gesamten Gesellschaft zu Gute kommt, sagt Stefan Stübing, Experte im Bereich Sustainable Finance der ABN AMRO Asset Based Finance.

Nachhaltigkeit ist derzeit ein sehr starker Trend. Viele Wirtschaftsentscheider incentivieren positive ESG Performance als Ausdruck guter unternehmerischer Gesellschaftsverantwortung (CSR) – nicht zuletzt, nachdem uns beinahe täglich vor Augen geführt wird, dass sich unsere Volkswirtschaften verändern müssen, wenn sie widerstandsfähiger werden wollen.

In vielen Ländern, insbesondere in Deutschland, fehlt uns jedoch ein ganzheitliches Verständnis des Begriffs „Nachhaltigkeit". Es geht nicht nur darum, sich für weniger umweltschädliche Verkehrsmittel zu entscheiden oder den Kaffee im Papierbecher statt im Plastikbecher zu kaufen. Wir müssen daran arbeiten, Nachhaltigkeit in alle unsere Entscheidungen zu integrieren. Wir müssen als Verbraucher auch in Zukunft klügere Entscheidungen treffen. Aber auch die Art und Weise, wie wir unsere Geschäfte führen, ist wichtig – von der Minimierung des eigenen CO2-Fußabdrucks bis hin zur Reduzierung und schließlich Eliminierung vieler Formen von Abfall und anderen schädlichen Emissionen.

Finanzinstitute sind für diese Mission von entscheidender Bedeutung. Große Vermögensverwalter und Eigenkapitalgeber integrieren bereits standardmäßig ESG-Komponenten in ihre Anlagekonzepte. Und der Bereich Sustainable Finance wächst sehr stark in fast allen großen Volkswirtschaften, wohlwissend das die Marktanteile dieser Finanzierungsform noch überschaubar sind.

Inzwischen definiert die EU-Taxonomie zur nachhaltigen Finanzwirtschaft Finanzinstitute als wesentlichen Bestandteil der Transformation hin zu nachhaltigen Geschäftsmodellen von Unternehmen. Es handelt sich um einen Leitfaden für die Transformation ihrer eigenen Geschäftsmodelle und die Entwicklung nachhaltiger Finanzierungsprodukte, um die Wirtschaft insgesamt auf ihrem eigenen Weg zu nachhaltigeren Ansätzen zu unterstützen.

Die meisten Organisationen haben noch einen langen Weg vor sich. Fast alle Finanzinstitute haben das Thema in ihrem Leitbild aufgegriffen – müssen aber noch unter Beweis stellen, dass sie dies in ihrer eigenen Unternehmenskultur, Ihren Verhaltensweisen und letztlich in Ihren Geschäftsmodellen verankert haben. Dies gilt übrigens gleichermaßen für die ABN AMRO Gruppe.

 

ABN AMROs Weg zur Nachhaltigkeit

Die ABN AMRO hat sich einem nachhaltigen Geschäftsmodell verschrieben; daher wissen wir, dass Transformation kein leichter Weg ist und stetig neu an das sich ständig verändernde Marktumfeld angepasst werden muss. Einige der Kernsektoren des Firmenkundengeschäfts der ABN AMRO – wie beispielsweise Transport und Logistik – müssen erhebliche Anpassungen ihrer Geschäftsmodelle vornehmen. Daher besteht ein großer Teil unserer Mission darin, ihnen bei dieser Transformation unterstützend zur Seite zu stehen und partnerschaftlich auch als Sparringspartner zu agieren.

Ein großartiges Beispiel in Deutschland ist unsere Finanzierung von smarten Paket Locker der ParcelLock GmbH. Mit einer Leasingstruktur konnten wir im Rahmen eines Pilotprojektes, als Teil der Smart City Initiative in Hamburg, das Unternehmen unterstützen sein White-Label Boxen-Aufbewahrungssystem in Hamburg zu installieren. Durch die strategische Positionierung an Bahnhöfen, als Verkehrsknotenpunkte in Hamburg, werden hierdurch Fahrten von Lieferfirmen, insbesondere in überlasteten städtischen Umgebungen, kontinuierlich reduziert. Das Ergebnis ist ein starkes CO2-Einsparpotenzial, das sich sehr gut in die Gesamtstrategie der ABN AMRO zur Unterstützung nachhaltiger Geschäftsmodelle einfügt. Sollte sich das kürzlich angelaufene Pilotprojekt für das Unternehmen weiterhin als Erfolg herausstellen, freuen wir uns bereits jetzt darauf hier als strategischer Finanzierungspartner mit unserem Know-how anknüpfen zu können.

Die ABN AMRO selbst profitiert besonders vom starken Nachhaltigkeitstrend in ihrem Heimatmarkt, den Niederlanden. ABN AMRO ist im Benchmark Index, dem Dow Jones Sustainability Index vertreten und das Rating der RobecoSAM, als führender ESG-Rating Anbieter,  listet uns unter den Top 10 % aller Banken weltweit. (Unsere Ambition ist es, in die Top 5 % zu kommen – dieses Thema ist zu wichtig für uns, als dass wir uns entspannen könnten, nur weil wir bisher eine gute Platzierung erreicht haben). 

Unsere grünen Anleihen zum Beispiel können nur für nachhaltige Zwecke verwendet werden und ABN AMRO befindet sich laut Refinitiv (per 19.07.2020) auf Platz 21 im Global Lead Manager League Table (Top 10 der EU Banken). Und unsere ersten ESG-linked Loans (hierbei wird die variable Zinsmarge an die Nachhaltigkeitsperformance nach definierten KPIs bzw. an ein ESG-Rating des Unternehmens gekoppelt) haben wir in Deutschland bereits abgeschlossen.

Der grüne Finanzmarkt hat ein beeindruckendes Wachstumspotenzial. Im Moment ist Nachhaltigkeit besonders für die Finanzabteilungen großer Unternehmen wichtig. In Deutschland wurden 16,5 Mrd. USD an grünen/ESG-Anleihen emittiert und mit einer jährlichen Wachstumsrate von mehr als 150 % liegt Deutschland auf Platz 4 des Marktes, knapp hinter Frankreich und den USA. (China hat laut Refinitiv für 2019 mit rund 22,9 Mrd. USD die größten Emissionen.)

 

Ausstieg aus den Blue Chips, rein in den Mid-Market

Derzeit wächst der Sustainable Finance Markt im Firmenkundenbereich hauptsächlich durch Großunternehmen. Aber auch im Mittelstand wächst das Interesse an nachhaltigen Finanzierungen. ABN AMRO Asset Based Finance hat in den letzten Jahren sukzessive die Grundlagen geschaffen, auch mittelständische Unternehmen Zugang zu nachhaltigen Finanzierungen zu ermöglichen. In den Niederlanden haben wir zum Beispiel ein Leasing-Produkt für Solarmodule („Groenlease“) entwickelt und einer breiten Masse an Unternehmen zur Verfügung gestellt Das Produkt ist durch die Einbindung von Fördermitteln besonders lukrativ und wird daher sehr gut von unseren Kunden aufgenommen.

Nachhaltige Projekte wurden bereits in Deutschland, Großbritannien und Frankreich finanziert – und an einer strategischen Positionierung in diesem neuen Segment wird weiter gearbeitet. Doch es gibt noch viel zu tun. In Deutschland suchen wir zum Beispiel nach Möglichkeiten, Nachhaltigkeit erfolgreicher sowohl in kurz- als auch langfristige Finanzierungsstrukturen einzubinden. Wir, als ABN AMRO Asset Based Finance, haben jedenfalls klare Ambitionen uns in den Märkten Deutschland, aber auch der Niederlande, Großbritannien und Frankreich im Segment der nachhaltigen Objektfinanzierung langfristig zu positionieren und zu etablieren. Wir haben drei Ansätze, die es kontinuierlich auszubauen gilt:

  1. die zweckgebundene Finanzierung von Anlageinvestitionen mit Emissionseinsparpotential,
  2. die Finanzierung nachhaltiger Geschäftsmodelle (einschließlich Kreislaufwirtschaft, Ressourcenrückgewinnung, Verlängerung von Produktlebenszyklen, Plattformökonomie oder auch Produkte-als-Service Anbieter),
  3. die Finanzierung mit Anreizkomponenten (sog. „Incentives“) zur Förderung der Nachhaltigkeits-Performance des Kunden (vergleichbar mit ESG-gebundenen Krediten).

Das Verständnis von Nachhaltigkeitsaspekten als risikominimierende Faktoren der Finanzierungen und die Entwicklung von speziellen nachhaltigen Finanzierungsprodukten zur bestmöglichen Einbeziehung von Kundenbedürfnissen ist denke ich auf einem guten Weg. Hier werden wir in der Zukunft weiter unsere Hausaufgaben machen und zusammen mit unseren Kunden weiter lernen und wachsen. Denn fest steht, um selbst als Finanzinstitut nachhaltiger zu werden, sind wir auf die Transformation unserer Kunden zwingend angewiesen.

 

Was sollten Unternehmen tun?

In meiner Masterarbeit konzentriere ich mich auf nachhaltige Finanzprodukte für Firmenkunden innerhalb Europas. Eine wichtige Erkenntnis war, dass die Performancemessung eine besondere Rolle bei der Bestimmung des eigenen Fußabdrucks des Unternehmens einnimmt. Das klingt offensichtlich, aber selbst auf individueller Ebene können wir sehen, dass nachhaltige Verhaltensänderung meist nur durch Konfrontation mit harten Fakten zu erreichen ist. Getreu den Worten: „Nur was wir messen, können wir verbessern.“

Subjektiv betrachtet, empfindet sich beispielsweise ein Großteil der Bevölkerung in Deutschland als nachhaltig bewusst lebend. Die Fakten suggerieren etwas anderes. Im Jahr 2019 lagen beispielsweise die durchschnittlichen CO2-Emissionen pro Kopf bei 7,9 Tonnen – oder dem 1,6-fachen des weltweiten Durchschnitts. (Ihren eigenen CO2-Fußabdruck können Sie mit dem CO2-Rechner des Umweltbundesamtes ermitteln; meiner beträgt 8,4 Tonnen pro Jahr...). Da wird einem schnell bewusst, wie wichtig es ist, sich um seinen eigenen Beitrag zu kümmern. Als ich meine eigenen Daten sah, fasste ich zum Beispiel den Entschluss, meinen Flug nach Australien Anfang 2020 durch das Pflanzen von 300 Bäumen auszugleichen. Vermeidung wäre die beste Alternative, allerdings ist die Kompensation, wie ich für mich persönlich entschieden habe, ein Schritt in die richtige Richtung.

Die Steuerung wesentlicher Unternehmenskennzahlen (derzeit zumeist finanzielle) ist im Controlling angesiedelt und bedarf etablierter Reporting Strukturen. Das Verständnis von ESG Faktoren als Geschäftsrisikominimierungseinheit und gleichzeitig Erfolgspotential in Unternehmen (beispielsweise durch höhere Produktivität von motivierten Mitarbeitern, höhere Energieeffizienz, neue Absatzmöglichkeiten durch Erreichen neuer Kundengruppen, etc.) bedarf die Schaffung der Voraussetzung ESG Faktoren tatsächlich in Entscheidungen einfließen lassen zu können. Das kann meines Erachtens am besten die Controlling Einheit im Unternehmen leisten. Darüber hinaus, lässt sich die Ausweitung der Reporting Pflichten von Unternehmen zu den sog. nicht-finanziellen Risiken durch die Gesetzgebung (auch „CSR Richtlinie“ genannt) als klares Zeichen der Politik deuten, Nachhaltigkeitsparameter messbar machen zu wollen. Dies gilt zunächst nur verpflichtend für kapitalmarktorientierte Unternehmen (< 1% aller Unternehmen in Deutschland), allerdings ist schon aufgrund der Verpflichtungen Deutschlands und der EU im Gesamten durch das Pariser Klimaabkommens ein weiteres flächendeckenderes ausrollen zukünftig zu erwarten.

Derzeit wird CSR von Unternehmen oftmals als Investitionsfeld begriffen und durch Kosten- / Nutzenrechnungen evaluiert. Die Vorteile aus einer nachhaltigen Positionierung wird hierbei vielfach unterschätzt. Die vorherrschende Meinung der CSR-Forschung sieht den wertschaffenden Effekt von CSR-Maßnahmen als bestätigt an, die Validierung und Offenlegung als Grundvoraussetzung um Vertrauen aufzubauen ist hierfür jedoch unerlässlich. Nach einer aktuellen Studie der Zeitschrift Finance in Zusammenarbeit mit der LBBW wird eine nachhaltige Unternehmensführung von 48 % der Entscheidungsträger in kleinen Unternehmen, 59 % der mittelständischen Unternehmen und 75 % der Großunternehmen für besonders wichtig erachtet. CSR wird weiterhin ihren Weg in das moderne Management finden – demnach stellt sich meines Erachtens nicht die Frage nach dem „ob“, sondern vielmehr nach dem „wann“ und wie Unternehmen in der Lage sein werden, sich mit dem geänderten Verhalten der eigenen Stakeholder zu ändern oder ob man sich durch dieses ändern muss.

Wie uns ein altes Sprichwort lehrt: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“ oder auch gerne zitiert: „den letzten beißen die Hunde.“